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Archive für Dezember 2010
Unglaublich, aber wahr!
27.12.2010 von NRW-Schulblog.
Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung, wie sich Finnlands erfolgreiche Schulpolitik von den anderen Ländern unterscheide, antwortete die finnische Schulministerin Virkkunen:
“Wir haben einen breiten Konsens zwischen den Parteien, wenn es um die Bildung geht. Kleinere Unterschiede gibt es natürlich, aber im Wesentlichen sind wir uns einig. In anderen Ländern kann man manchmal beobachten, dass bei jedem Regierungswechsel versucht wird, das System umzukrempeln. Bei uns ist das nicht so. Darum bleibt den Lehrern ausreichend Zeit für ihre eigentliche Arbeit, weil sie sich nicht ständig mit Reformen befassen müssen.”
Das komplette, sehr interessante Interview kann man hier nachlesen.
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Weihnachten 2010
23.12.2010 von NRW-Schulblog.
Der Schulblog wünscht allen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachten und ein erfolgreiches neues Jahr 2011.
Und hier gibt es noch einen lesenswerten Brief an einen Deutschlehrer!
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Deutschunterricht besser ohne Pisa
16.12.2010 von NRW-Schulblog.
Seit dem 8.12. 2010 wissen wir mal wieder genau, wie Deutschland bei der neuesten Pisastudie abgeschnitten hat. In naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik sind wir näher an die Spitze herangerückt (Platz 10 bzw 9), in der Lesekompetenz dagegen haben wir uns nur ein wenig verbessert, aber immerhin.
Warum wir immer noch Mittelmaß sind, wird einhellig damit begründet, dass die Lesefähigkeit in sogenannten bildungsfernen Familien oder bei Familien mit Migrationshintergrund nicht zureichend gefördert wird.
Was aber ist mit den Fünfzehnjährigen, die aus bildungsnahen Familien kommen? Warum zum Beispiel schlagen sich Gymnasiasten nicht erheblich besser als der Durchschnitt? Laut einem Bericht des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels haben die Kinder- und Jugendbuchverlage in Deutschland 2009 72,3 Millionen Bücher verkauft. Weiter heißt es: “Die Anzahl der Kinder- und Jugendbuchkäufer ist leicht angewachsen auf 14,1 Millionen in 2009, sie kaufen jährlich durchschnittlich 5,1 Kinder- oder Jugendbücher und geben dafür etwa 42 Euro aus.”
Die Zahlen besagen doch letztendlich, dass zumindest in den bildungsnahen Familien viel gelesen wird, in manchen wohl sehr viel. Wie verträgt sich dann aber die Lesekompetenz des so viel lesenden Jugendlichen mit den mittelmäßigen Ergebnissen des Pisatests?
Sie verträgt sich damit insofern, als der Deutschunterricht diesen Leser nicht auf die Tests vorbereitet, die ihm bei der Pisastudie vorgesetzt werden.
Jeder, der in NRW mit seinen achten Klassen an den Lernstandserhebungen Deutsch teilgenommen hat, weiß inzwischen, wie man es schafft, eine Klasse beim Test der Lesekompetenzen gut aussehen zu lassen. Zunächst muss man die Schüler darauf trimmen, bei den nach “Wer-wird-Millionär”-Manier gebotenen vier Antworten zu einer Textfrage genau hinzuschauen. Wer die Lernstandserhebungen ausgewertet hat, wird schon öfter den Kopf darüber geschüttelt haben, dass sehr gute Schüler beim Ankreuzen der richtigen Antwort auf eine läppische Frage schwer daneben gehauen haben. Einfach so. Nicht richtig hingeschaut, über die Witzigkeit - oder leider noch öfter: Dämlichkeit - der Antworten gelacht, vom Nachbarn abgelenkt worden: Gründe, die ein solches Versagen erklären, gibt es jede Menge. Also heißt es hier: Konzentration und ernst bleiben, auch wenn es schwer fällt. Bei Aufgaben, bei denen Schüler ihre Meinung zu einem Problem (z.B. aus dem Text ersichtliche Gründe für das Handeln einer Person) aufschreiben sollen, genügt der Tipp, möglichst mehrere Sätze zu schreiben. Das reicht dann bei der Auswertung meistens schon für Pluspunkte wegen größerer Ausdifferenzierung. Übt man auch die anderen Aufgabenarten (z.B. Zuordnen verschiedener Aussagen zueiander, Nummerierung von Aussagen nach ihrem Vorkommen in Texten u.ä.) vorher zureichend, sind die Ergebnisse anschließend gut bis sehr gut.
Mit dem Deutschunterricht, wie er im Idealfall stattfinden sollte, haben solche Tests nichts zu tun. Der Schüler wird nicht aufgefordert, eigene Positionen gegenüber einem Text zu definieren, er setzt sich keine eigenen Analyseziele, er deutet keine sprachlichen Besonderheiten, die ihm wichtig erscheinen und das Allerwichtigste: er geht nicht systematisch an die Erschließung eines Textes heran. Stattdessen darf er in einem solchen Test immer unter Zeitdruck bereits von anderen Vorgedachtes richtig oder falsch ankreuzen. Was ihm am Ende dann bescheinigt wird, hat wenig mit seiner Lesefähigkeit zu tun, sondern mehr mit seiner allgemeinen Intelligenz und seiner Fähigkeit, solche Tests zu durchschauen und zu bewältigen (in einem Land wie Südkorea hängt das schulische Überleben von der Fähigkeit, solche Tests zu bestehen, wesentlich ab; wegen des permanent stattfindenden Drills in Nachhilfestunden können die Schüler dann auch “unheimlich” gut lesen).
Also - investieren wir lieber alle Mittel und alle Zeit in die frühkindliche Leseförderung (hier vordringlich Ausbau der Stadtbüchereien und nicht Schließungen derselben!!!) und in einen guten Deutschunterricht.
Zum guten Schluss: Bei der diesjährigen Pisa-Studie hat Österreich erheblich schlechter abgeschnitten als in den vorhergegangenen Studien. Als Grund für den “Einbruch” der Lesefähigkeit haben die österreichischen Lehrer angegeben, dass die Schüler massenhaft keine Lust auf die Studie hatten und sie nicht ernst genommen haben.
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Von der Qualitätskontrolle zur fetten Pommes
2.12.2010 von NRW-Schulblog.
Das dürfte noch in guter Erinnerung sein: Mit großen Tamtam startete die damalige Schulministerin Barbara Sommer im Jahr 2006 die Qualitätsanalyse an den Schulen. Schulinspektoren, bewaffnet mit Laptops, bzw. den darauf befindlichen Analyseprogrammen, fielen in die Schulen ein und verwahrten sich erst einmal unisono gegen das Wort “Kontrolle”. Nein, Kontrolle sollte die Schulinspektion nicht sein, vielmehr Hilfe zur Qualitätssteigerung durch Evaluation. Was folgte, waren stundenlange Konferenzen, in denen die Inspektoren der gesamten Schulgemeinde klarmachten, was sie eigentlich wollen und was nicht. Dann ging’s los: Schülerlotsen lotsten nach einem ausgeklügelten Plan die Inspektoren in die Klassen (immer mit Überraschungseffekt, weil man ja - ein Beweis echten Humors! - das “wahre” Schulleben kennenlernen wollte), wo sie 20 Minuten verweilten und alle möglichen Daten in ihre Laptops reinhackten. Nach zwei Wochen waren sie dann fort, um bald mit einer Marathonkonferenz wiederzukommen. Unterstützt von Power-Point-Präsentationen zeigten sie auf, welche Stärken und welche Schwächen die jeweilige Schule hat. Zielvereinbarungen wurden formuliert und unterschrieben, die Fachkonferenzen in zeitraubende Curriculumdiskussionen und -erarbeitungen getrieben, ja, es war in der beschaulichen NRW-Schullandschaft mal richtig was los, sozusagen Stressfaktor XXL.
Nun neigt sich bald das Jahr 2010 seinem Ende zu, und es stellt sich die Frage: Hat sich seit dieser Qualitätskontrolle irgendetwas an der Qualität unserer Schulen zum Besseren verändert?
Die soeben erschienene Studie von McKinsey “How the world’s most improved school systems keep getting better” greift das Thema “Qualitätverbesserung des Unterrichts” zum ersten Mal global auf. Weltweit wurden 575 Reformaßnahmen analysiert und dazu Interviews mit über 200 Lehrern und Wissenschaftlern geführt. Die erste Erkenntnis ist: strukturelle Änderungen (z.B. längeres gemeinsames Lernen), Verlängerungen oder Verkürzungen von Schuljahren bringen wenig. Viel mehr Erfolg hat dagegen die Maßnahme, bereits in der Lehrerausbildung die Qualität des Lehrens zu verbessern (strenge Auswahl der Bewerber, mehr Praxisbezug). Als besonders förderlich haben sich eine Stärkung der Eigenverantwortung der Schulen (Dezentralisierung), ein gezieltes Coaching der Lehrer und gegenseitiges Feedback zum Unterricht sowie Karrierepfade mit entsprechend gestuftem Gehalt für die Spezialisierung von Lehrkräften herausgestellt.
Ist von solchen Maßnahmen irgendetwas in NRW bekannt? Haben die Bezirksregierungen den Schulen mehr Eigenverantwortung bei der Planung und Durchführung ihres Unterrichts zugebilligt? Ist die Unterrichtsbelastung der Lehrer irgendwo reduziert worden, damit man sich endlich mal Zeit nehmen kann, einen Kollegen im Unterricht zu besuchen und ihm eine Rückmeldung zu geben? Nachdem man erst einmal an der Schule eine Atmosphäre geschaffen hat, in der solche Besuche als Hilfe und nicht als von oben verordnete “Unterrichtsspionage” zum Zwecke der dienstlichen Beurteilung empfunden werden? Hat jemand irgendetwas davon gehört, dass Bemühungen um Verbesserung der Unterrichtsqualität mit Karriere belohnt werden?
Dem Autor dieses Beitrags ist nichts dergleichen bekannt.
Stattdessen hat man dem System Schule den Ganztag verordnet und dazu die schöne Homepage www.ganztag.nrw.de gebastelt. Hier gibt es allerlei Buntes an Gedanken und dazu noch Gaga-Lyrik für den Freund der hohen Sprachkunst. Zum Beispiel wenn die Rede davon ist, “die Zeitstunden des gebundenen Ganztags, die nicht durch Unterricht gebunden sind, für ein integriertes Konzept von Lernzeiten zu nutzen, das Hausaufgaben weitestgehend überflüssig macht und damit den Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit mehr Flexibilität einräumt.” Oder wenn man liest: “Jede gebundene Ganztagsschule bietet (…) eine Mischung aus dem überschaubaren verpflichtenden Teil (integrierte Lernzeiten) und aus weiteren freiwilligen Angeboten (von der Theatergruppe bis zur Schülerfirma)”.
Soweit die Welt der im Traum Verirrten.
Die Wirklichkeit, mit der sich Lernende und Lehrende tagtäglich auseinandersetzen zu haben, sieht dagegen so aus: Am Nachmittag findet ganz gewöhnlicher Unterricht statt. Das heißt: All die Stunden, die man wegen der verkürzten Schulzeit nicht mehr vormittags unterbringen konnte, sind in den Nachmittag verlagert worden. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Nach der 6. Stunde erst einmal irgendwo was zu essen bekommen. Dazu meidet man aber die Mensa, da da Essen dort meist aus irgendeiner zerkochten Pampe besteht (s. Bericht zur Qualität des Mensaessens weiter unten!). Die Pommesbude oder der Pizzabäcker sind gefälliger; zwar ist das Essen wegen des Fettgehalts gesundheitsschädlicher als das aus der Mensa, aber es schmeckt wenigstens und man kann auch nach außen dokumentieren, dass man es sich leisten kann, teurer als in der Mensa zu essen.
Durch die dann anstehenden zwei Unterrichtsstunden mogelt man sich mit vollgeschlagenem Bauch irgendwie durch. Das geht auch nicht anders, denn der Kopf ist von 8 Uhr morgens permanent mit Wissen vollgestopft worden, jetzt, am Nachmittag, sagt das Schülergehirn einfach: “Nichts geht mehr. Weder rein noch raus”. Wenn es endlich auf 16 Uhr zugeht, ist bei allen Beteiligten lediglich ein einziger Effekt zu vermelden: Erleichterung, dass es vorbei ist. Von einer wie auch immer gearteten Qualität des Lehrens und Lernens ist man dabei so unendlich weit entfernt, wie die Mozartkugel von der Mozartmusik.
Und unsere neue Schulministerin Sylvia Löhrmann? Die, hört man, bastelt sporadisch an der Gemeinschaftsschule, also wenn es sich gerade mal ergibt und auch nicht zu viel, weil ihr dafür die Mehrheiten im Landtag fehlen. Auf die groß angekündigte Rückkehr zum G9-System hat sie jetzt, wo alle Schulen Nein gesagt haben, auch keinen Bock mehr. Ansonsten freut sie sich darüber, wie weit sie es im Leben gebracht hat, nämlich überraschenderweise bis zu einer Schulministerin. Und zu einem eigenen Chauffeur, der sie in einem Regierungswagen rumfährt. Der unter ökologischen Aspekten eine Dreckschleuder sondergleichen ist. Aber das wäre jetzt ein Thema für einen Öko-Blog. Also lassen wir es hier sein …
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